Die Fettlöserin

Die Fettloeserin

Nicole Jäger

Eine Anatomie des Abnehmens

286 Seiten, Rowohlt Verlag 2015, ISBN 978-3-499-63116-0

Taschenbuch: CHF 15.90, eBook: CHF 12.00, Hörbuch: CHF 28.90

 

SAPS-Bewertung:

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Sie ist nicht zimperlich, was die Sprache anbelangt. Sie schreibt so, wie sie quatscht, unter Kumpels, direkt und oft auch provozierend: Nicole Jäger in ihrem Erfolgsbuch Die Fettlöserin – eine Anatomie des Abnehmens.

Mit dem “Arschloch”, das im Titel steht, meint sie explizit die sogenannte Plateau-Phase beim Abnehmen, wenn das Gewicht trotz aller Bemühungen am gleichen Ort verharrt und sich einfach nicht verringern last.

Nicole Jäger war von klein auf ein dickes Kind, allen Benachteiligungen und Hänseleien ausgesetzt, die kindliches Dicksein mit sich bringt. Sie wird zum Abnehmen gezwungen, auf Hungerkur gesetzt, und nimmt immer nur noch mehr zu. Mit 26 Jahren wiegt sie unglaubliche 340 Kilo und wacht am Morgen auf, mit dem Gefühl, eben einen Herzinfarkt erlitten zu haben.

Sie will definitiv abnehmen. Die Ärzte raten ihr zu einer Magenoperation und alles wird in die Wege geleitet, aber einen Tag vor dem Eingriff sagt sie ihn ab: in einem flammenden Plädoyer legt sie dar, wie sie zu diesem Entscheid gelangt ist. Sie will nicht akzeptieren, dass ein gesundes Organ durch die OP mutwillig für den Rest des Lebens verstümmelt werden soll und ist auch nicht bereit, das Risiko einzugehen, das mit der Chirurgie verbunden sein kann. Sie entschliesst sich, es auf “natürliche” Weise versuchen.

Aber wie soll das gehen? Alle nur erdenklichen Diäten hat sie schon durch, immer gefolgt vom Jojo-Effekt. Sie macht sich kundig und lernt, bedachtsam mit den Lebensmitteln umzugehen. So zu essen, dass sie satt wird und doch nicht zuviele Kalorien abkriegt. Und sie schleppt sich mit ihrem Massivstgewicht in ein Fitness-Center, wo sie das Glück hat, auf einen verständnisvollen Coach zu treffen, dem es gelingt, sie ganz sachte in Bewegung zu bringen.

Jetzt setzt ein Prozess des Gewichtsverlusts ein, mit Ups und Downs, mit Erfolgen und Rückschlägen, durch alle Höhen und Tiefen der Emotionen, ganz langsam stellt sich der Erfolg auf der Waage ein. Sechs Jahre braucht sie insgesamt, um sich selber zu halbieren. Von 340 Kilo nimmt sie ab auf 170. Und sie will noch weiter abnehmen, auch wenn dies nochmals so viel Zeit brauchen sollte.

Inzwischen hat sie eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin und zur Heilpraktikerin abgeschlossen und hat begonnen, Menschen zu begleiten, die in einer ähnlichen Situation sind. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen entstand das Buch, mit dem sie nun durch die Talkshows tingelt. Aus Vorlesungen entwickelte sich so etwas wie ein Comedy-Programm, mit dem sie über die Bühnen Deutschlands tourt, sie, die immer noch stattliche Botschafterin für beharrlich erkämpften Gewichtsverlust.

Ihr Buch ist allerdeings kein “Ratgeber” für erfolgreiches Abnehmen. Bewusst verzichtet sie darauf, irgendwelche Tipps und Anleitungen zu geben. Sie ist überzeugt, dass jeder Adipöse seinen eigenen Weg finden muss, sich zuerst ins eigene Lot bringen soll, um dann die ihm angemessene Form der Ernährung und der dosierten Bewegung zu entwickeln. Dabei kann sie beratend zur Seite stehen, aber ein allgemeingültiges “Rezept für Dicke” will sie nicht geben.

Diese Haltung hat ihr – neben viel Lob und begeisterter Zustimmung – in zahlreichen Chat-Streams und Online-Foren auch Spott und böse Schmähungen eingebracht. In manchen Beiträgen wurde ernstlich bezweifelt, dass sie überhaupt jemals 340 Kilo gewogen habe (sonst müsste sie im Guinnessbuch der Rekorde als dickste Frau der Welt aufgeführt sein!), und dass die ganze Geschichte nur ein Fake und eine reine Verarschung sei...

Aber ebenso intensiv wird sie beglückwünscht dafür, dass sie die Gefühls-Stürme beim Kampf ums Abnehmen so authentisch und unverblümt in Worte zu fassen vermag, dass sie Vielen aus dem Herzen spricht, die in der gleichen Lage sind, und dass sie schliesslich Mut macht, ein Ziel zu erreichen, auch gegen Widerstand und quasi gegen sich selbst.

Ich muss sagen: ich habe das Buch mit Anteilnahme und Lust gelesen, habe viele Episoden aus meiner eigenen Erfahrung wieder erkannt, habe geschmunzelt über den direkten und unverfroren rüden Ton, den sie anschlägt, ob es nun Masche ist oder offene Ehrlichkeit, das hat mein Lesevergnügen nicht beeinträchtigt. (vgn.)

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