Weil ich ein Dicker bin

Weil ich ein Dicker bin

Bertram Eisenhauer

Szenen eines Lebensgefühls

336 Seiten, C. Bertelsmann Verlag 2016, ISBN 978-3-570-10218-3

Gebunden: CHF 28.90, eBook: CHF 18.90

 

SAPS-Bewertung:

bewertung_5auf5.png

Ganz anders kommt das zweite Buch daher, schon rein sprachlich: es ist gepflegt, quasi im literarischen Feuilleton-Stil, seriös und in allen Formulierungen korrekt und wissenschaftlich unterlegt. Es heisst Weil ich ein Dicker bin – Szenen eines Lebensgefühls, geschrieben hat es der Journalist Bertram Eisenhauer, Ressortleiter bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und es ist informativ, berührend und unterhaltsam zugleich. Man liest es mit Anteilnahme und mit sehr viel Sympathie.

Denn der Mann weiss, was er beschreibt. Auch er hatte schon früh mit dem Gewicht zu kämpfen, hat abgenommen und wieder zugelegt, die typische Adipositas-Karriere durch ungezählte Diäten und fortwährende Niederlagen. Er wiegt 185,4 Kilo, als er beschliesst, einen neuen, ultimativen Versuch zu wagen: eine Gruppen-Therapie unter medizinischer und fachlicher Betreuung, die ein Jahr lang dauert. In 52 Kapiteln schildert er seine Erlebnisse in einem anerkannten deutschen Adipositas-Zentrum.

52 Wochen dauert die Abnehm-Kur, beginnend mit einer 12-wöchigen Phase, in der die Gruppenteilnehmenden sich ausschliesslich von Drinks bzw. Formula-Diäten ernähren, gefolgt von einem mehrwöchigen Lern-Programm, in dem die richtige Einstellung zum Essen, das richtige Einkaufen, die richtige Zubereitung der Mahlzeiten und das richtige Bewegungverhalten eingeübt werden… und schliesslich eine Konsolidierungs-Phase, um das neue Lebensgefühl dauerhaft zu verinnerlichen.

Eisenhauer unterlegt die chronologische Schilderunge der jeweiligen Ereignisse im Verlauf der einzelnen Wochen mit essayistischen Reflexionen über sein eigenes Dicksein von Kind an, verbunden mit treffenden Aperçus zur Seelenlage von adipositas-geplagten Zeitgenossen und deren exponierte Situation in einer Gesellschaft, die alles auszugrenzen beliebt, was nicht der vermeintlichen Norm entspricht.

Die Beschreibungen seines eigenen Verhaltens und seiner Empfindungen sind so träf und treffend, dass jeder sich darin wiedererkennt, der sich in einer vergleichbaren Situation befindet oder befunden hat: hier spricht einer Klartext, der die Kunst der brillanten Formulierung perfekt beherrscht.

Ganze 16 Kilo hat er im Lauf eines langen Jahres geschafft, nach mühevollem Auf und Ab. Dabei hat er als Berichterstatter alle Facetten der Gewichtsproblematik ausgelotet, sei es aus eigenem Erleben oder aus den Schilderungen seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter in der Therapie-Gruppe, die im Lauf der Zeit zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen ist oder aus der Sicht der Fachliteratur, die er zu allen Sachfragen konsultiert und zitiert..

Seinen Bericht ergänzt Eisenhauer denn auch mit einem umfangreichen Literatur-Verzeichnis, das eine Fülle von Quellen und wissenschaftlichen Abhandlungen bietet. Das Buch sei jedem, der sich ernsthaft und doch auf amüsante Weise mit dem Thema befassen will, zur Lektüre bestens empfohlen. (vgn.)

Anzeigen